
Plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich mich nach einer Katze sehne!
Es ist halb zwölf an einem Montagvormittag im Februar. Während die meisten Menschen bei der Arbeit sind, konnte ich heute endlich mal wieder ausschlafen und bin nach einer ausgiebigen Dusche zu einem späten Frühstück ins „Neo“ in der Martinistrasse gegangen.
Hamburg ist kalt und verregnet wie eh und je, doch stört mich dieser Wesenszug jener Stadt, die mir zur Heimat geworden ist, heute nicht. Im Gegenteil – ich genieße es, hier drinnen zu sitzen, während draußen der Regen gegen die Scheibe trommelt. Dann bringt ein Kellner mir ein noch warmes, duftendes Croissant, ein Schälchen Fruchtquark und einen großen, dampfenden Becher Kaffee und ich denke daran, wie Alles begann...
Anfiska kam aus der Küche auf mich zu. Erst lief sie schnell, doch als sie mich auf der Couch sitzen sah, blieb sie schuldbewusst stehen. Mir war klar, dass die gierige Kleine heimlich in der Küche gefuttert hatte. Auf frischer Tat ertappt! Ich musste lachen und breitete meine Arme aus, um meiner Katze zu zeigen, dass sie von mir keine Standpauke zu befürchten hatte. Ohne eine Miene zu verziehen sprang sie auf die Couch, kletterte auf meinen Schoß und nahm zufrieden ihre Streicheleinheiten entgegen. Ich ließ meine Finger über ihren kleinen Kopf mit den schwarz-umrundeten Augen und ihren braun-grau gesprenkelten Nacken gleiten.
Meine Eltern arbeiteten beide noch. Mein Vater war bei einem großen Stromkonzern in der Verwaltung beschäftigt und kam meist erst gegen Abend nach Hause. Meine Mutter war Lehrerin für Mathematik und hatte heute Lehrerkonferenz. Es würde länger dauern, bis sie nach Hause kommen würden. Ich war heute früher von der Schule nach Hause gekommen, weil der Unterricht wegen der Minustemperaturen abgebrochen worden war. In Saratov wird es im Winter sehr kalt und bei über -25° Kälte kommen die Heizungen nicht mehr dagegen an. In zwei Monaten würde ich meinen Schulabschluss machen und so träumte ich an diesem unverhofft freien Nachmittag von der großen, weiten Welt.
Vielleicht würde ich ins aristokratische England gehen und an der altehrwürdigen Oxford Universität Politik studieren. Nach interessanten Vorlesungen würde ich dann nachmittags bei einem Tässchen Tee mit meinen Kommilitonen über die Lage der Welt diskutieren, um mich auf meine zukünftige Aufgabe als Botschafterin in fernen Ländern vorzubereiten...
Oder vielleicht würde ich in Lyon, der "ville de gueule" - Frankreichs Hauptstadt kulinarischer Gaumenfreuden mit dem typischen Flair mediterraner Städte - in einer kleinen Gasse der Altstadt in einem Blumenladen eine Ausbildung zur Floristin machen, um mich dann in meinen Juniorchef zu verlieben und mit ihm in unserem kleinen Stadthaus unsere 5 Kinder großzuziehen...
Vielleicht würde ich aber auch nach Amerika gehen und im Land des Showgeschäfts den Weg von der Tellerwäscherin zur Millionärin antreten. Bei einer kleineren Produktionsfirma würde ich als Sekretärin anfangen, um an dem Tag an dem die Showmasterin unserer populärsten Show kurzfristig wegen einer schlimmen Darmgrippe ausfällt, spontan für sie einzuspringen. Ich würde vor der Kamera singen und tanzen und durch die Show führen wie noch niemand je zuvor. Ich würde an diesem Tag die Herzen von Millionen von Fernsehzuschauern erobern...
Zwei Monate später stand ich morgens um viertel nach sechs am Flughafen von Saratov, einem kasernenartiger Kastenbau von dem die Farbe abblätterte und der nicht wirklich wie ein Tor zur Welt aussah.
Ich war bis dato noch nie geflogen und das Erscheinungsbild des Flughafens trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Mit wachsender Nervosität wartete ich darauf, dass der Flug 6W762 der Saratov Airlines nach Moskau-Domodedowo, dem großen internationalen Verkehrsflughafen im Süden Moskaus, aufgerufen wurde. In einer Woche würde ich dort an der MGU, der staatlichen Universität "LOMONOSOV" an der journalistischen Fakultät in der Mokhovaya Straße mein Studium beginnen. Das ich überhaupt die Gelegenheit bekam, an Moskaus renommiertester Hochschule zu studieren hatte ich dem Umstand zu verdanken, dass ein Vorgesetzter meines Vaters entfernt mit dem Hochschuldekan verwand war. So läuft das in Russland.
Ich war gespannt auf mein Studium und freute mich über die Chance, die ich bekam. Für Journalismus hatte ich mich mehr zufällig entschieden - es klang nach Glanz und großer, weiter Welt. Allerdings hatte ich keine Ahnung, was mich wirklich erwartete...